Ihr Schweizer Sportportal
Schweiz-Sport
Interview: Ronny Hornschuh über die Zukunft des Schweizer Skispringens
Sport-News Schweiz

Interview: Ronny Hornschuh über die Zukunft des Schweizer Skispringens

Zurück zu Sport-News Schweiz
Teilen:

Nach Simon Ammanns Rücktritt führt Cheftrainer Ronny Hornschuh das Schweizer Skisprung-Team in eine neue Ära mit klaren Zielen für Olympia 2026 und die WM 2025.

Der Schweizer Skisprung steht vor einem Neuanfang. Seit Simon Ammann seinen Rücktritt erklärte, hat sich das Team neu formiert – mit einem deutschen Cheftrainer an der Spitze, der klare Visionen hat. Ronny Hornschuh, seit 2022 im Amt, ist der Architekt einer neuen Ära. Im exklusiven Gespräch mit schweiz-sport.ch verrät er, wie er die Schweiz zurück an die Weltspitze führen will, wo die grössten Talente lauern und welche technischen Innovationen den Unterschied machen sollen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Teams, das nach jahrelanger Abhängigkeit von einem einzelnen Star nun auf Breite und Tiefe setzt.

Ein Neuanfang für den Schweizer Skisprung

Als Simon Ammann 2022 seine Karriere beendete, hinterliess er eine riesige Lücke. Vier Olympiasiege, zehn WM-Medaillen und unzählige Weltcupsiege – der «Simi» war über zwei Jahrzehnte das Gesicht des Schweizer Skispringens. Cheftrainer Ronny Hornschuh musste das Team nicht nur sportlich, sondern auch mental neu aufstellen. «Simon war ein Fixpunkt. Sein Rücktritt hat uns gezwungen, umzudenken», sagt Hornschuh im Interview. «Wir haben die Chance genutzt, um eine neue Kultur zu etablieren – weg vom Einzelkämpfertum, hin zu einem echten Team. Jeder Athlet weiss: Ohne die Unterstützung der anderen kommt keiner an die Spitze.»

Der 47-jährige Deutsche, zuvor Co-Trainer im deutschen Verband, brachte frische Impulse. Er forderte mehr Eigenverantwortung von den Springern, neue Trainingsmethoden und eine engere Zusammenarbeit mit der Sportwissenschaft. Aktuell stützt sich das Kader auf die erfahrenen Gregor Deschwanden (30) und Killian Peier (28) sowie auf fünf jüngere Athleten. «Die Mischung stimmt. Wir haben Routiniers, die vorangehen, und hungrige Talente, die Druck machen», so Hornschuh.

Die aktuelle Team-Situation und Leistungsanalyse

Im Weltcup 2023/24 belegte die Schweiz Platz 8 der Nationenwertung – ein solides Resultat, aber mit Luft nach oben. Gregor Deschwanden gelang mit Platz 5 in Engelberg sein bislang bestes Weltcup-Ergebnis. «Gregor hat einen Schritt nach vorne gemacht. Er springt stabiler, die Flugkurve ist sauberer. Sein Ziel ist die Top 10 im Gesamtweltcup», analysiert Hornschuh. Der Luzerner überzeugt vor allem auf den grossen Schanzen, wo seine Sprungkraft und Aerodynamik zur Geltung kommen.

Anders die Situation bei Killian Peier. Der 28-Jährige aus dem Jura kämpft nach einer Knieverletzung um den Anschluss an die Weltspitze. «Killian hatte einen schweren Rückschlag. Er arbeitet extrem hart, doch das Vertrauen in das Knie kommt nur langsam zurück. Wir passen sein Training individuell an, bauen die Belastung schrittweise auf», erklärt Hornschuh. Peiers bisherige Bestleistung im Weltcup ist ein 4. Platz, doch in der Saison 2023/24 landete er meist ausserhalb der Top 20.

  • Stärken Deschwanden: Konstanz auf Grossschanzen, verbesserte Telemark-Landung, taktische Rennintelligenz.
  • Baustellen Peier: Knie-Stabilität, fehlende Wettkampfpraxis, mentale Widerstandskraft nach Verletzung.
  • Team-Ergebnis 2023/24: 8. Nationenwertung (beste Position seit 5 Jahren), 3 Podestplätze (alle durch Deschwanden).

Nachwuchsförderung: Talente von morgen

young ski jumper competition

Die Zukunft des Schweizer Skispringens liegt in der Jugend. Im Fokus steht Olan Lacroix, ein 19-jähriger Athlet aus Einsiedeln. «Olan hat ein aussergewöhnliches Talent. Er bringt eine natürliche Sprungkraft mit und eine unglaubliche Körperbeherrschung in der Luft», schwärmt Hornschuh. Lacroix gewann 2023 die Schweizer Juniorenmeisterschaft und sammelte erste Erfahrungen im Continental Cup. Sein Ziel ist die WM-Teilnahme 2025.

Innerhalb des Programms «Swiss-Ski Nachwuchsperformance» werden aktuell 15 junge Athleten gefördert. Das Programm setzt auf individuelle Entwicklungspläne, regelmässige Trainingslager und enge Betreuung durch ehemalige Spitzenspringer. «Wir wollen die Talente früh an das Niveau heranführen, ohne sie zu überfordern. Ein starker Nachwuchs ist die Grundlage für nachhaltigen Erfolg», betont Hornschuh.

  • Schlüsselspieler Nachwuchs: Olan Lacroix, sowie die 17-jährige Lena Bachmann (erste Frau im Kader) und der 16-jährige Noah Rüegg (Sieger Trofeo Topolino 2023).
  • Trainingslager: Regelmässig in Oberstdorf (DE) für Ganzjahrestraining auf Matten, und in Hinterzarten (DE) für Technikfeinschliff auf der Normalschanze.
  • Förderung: Stipendien für ausländische Trainingslager, Psychotraining, Ernährungsberatung und medizinische Betreuung durch Swiss-Ski.

Technik und Innovation im Training

Um den Rückstand auf die Skisprung-Grossmächte Österreich, Norwegen und Deutschland zu verkleinern, setzt das Schweizer Team auf modernste Technologien. Ein Highlight sind die Windtunneltests an der ETH Zürich. «Dort analysieren wir die Aerodynamik jedes Springers im Detail. Wir optimieren die Körperhaltung, die Position der Arme und Beine – das bringt entscheidende Meter», erklärt Hornschuh. Die Daten fliessen direkt in die individuelle Technikschulung.

Zudem kommt eine KI-gestützte Videoanalyse-Software zum Einsatz. Kameras zeichnen jeden Sprung aus mehreren Winkeln auf, die Software berechnet Winkel, Geschwindigkeit und Flugkurve in Echtzeit. «Früher haben wir uns Videobänder angeschaut. Heute haben wir millimetergenaue Analysen. Der Athlet sieht sofort, wo er ansetzen muss», so der Cheftrainer.

Ein weiterer Pfeiler ist die Zusammenarbeit mit dem deutschen Skisprung-Experten Peter Schlickenrieder. Der ehemalige Weltklasse-Springer und heutige Trainer bringt Erfahrung aus dem deutschen Erfolgssystem ein. «Peter hilft uns besonders bei der Sprungtechnik auf Grossschanzen und bei der Rennstrategie. Sein Input ist Gold wert», sagt Hornschuh.

  • Technologie-Einsatz: Windtunnel (ETH Zürich) für Aerodynamik, KI-Videoanalyse (Software «JumpAnalyzer»), Kraftmessplatten für Absprungoptimierung.
  • Innovationen: Individuelle Anzug-Anpassung basierend auf Windtunnel-Daten, verbesserte Ski-Präparation (Wachskombinationen für unterschiedliche Schneearten).
  • Kooperationen: Regelmässiger Austausch mit dem Deutschen Skiverband, gemeinsame Trainingslager, Nutzung der Sprungschanzen in Oberstdorf und Klingenthal.

Ziele für die kommenden Saisons

Ronny Hornschuh hat klare Etappen definiert. Das kurzfristige Ziel: Top 5 in der Nationenwertung bei der WM 2025 in Trondheim. «Das wäre ein riesiger Schritt. Wir wollen zeigen, dass wir mit den besten Teams mithalten können – nicht nur mit einem Einzelspringer, sondern in der Breite», sagt er. Für Olympia 2026 in Mailand/Cortina wird eine Einzelmedaille angestrebt. «Gregor Deschwanden hat das Potenzial für eine Medaille, wenn er seine Form hält. Auch im Teamspringen ist ein Podestplatz möglich», so Hornschuh.

Langfristig soll der Schweizer Skisprung wieder an die Weltspitze anknüpfen, an die goldenen Zeiten von Simon Ammann und Andreas Küttel. «Das braucht Zeit. Wir haben die Strukturen verbessert, die Nachwuchsarbeit verstärkt. In 5–6 Jahren werden die Früchte dieser Arbeit sichtbar sein», prognostiziert der Cheftrainer. «Wir wollen konstant in den Top 5 der Nationen stehen und bei Grossereignissen um Medaillen kämpfen.»

So unterstützt du den Schweizer Skisprung

Der Erfolg des Teams hängt auch von der Unterstützung durch die Fans ab. Ronny Hornschuh appelliert an die Begeisterung der Schweizer: «Die Atmosphäre bei den Heimspringen ist einzigartig. Wenn die Zuschauer mitfiebern, pusht das die Athleten zu Höchstleistungen.» Hier sind drei konkrete Wege, wie du den Schweizer Skisprung fördern kannst:

  • Besuche die Weltcup-Springen in Engelberg (Dezember 2024) und die Kandersteg-Nachwuchssprünge. Live dabei zu sein gibt den Springern den extra Schub. Tickets sind ab 30 Franken erhältlich.
  • Folge dem Team auf Instagram @swiss_ski_jumping. Dort gibt es exklusive Einblicke ins Training, Material von hinter den Kulissen und aktuelle News. Teile die Beiträge, um die Reichweite zu erhöhen.
  • Engagiere dich als Freiwilliger bei lokalen Skisprungvereinen wie dem Skiclub Einsiedeln, SC Schwyz oder SC Kandersteg. Helfer werden bei Wettkämpfen, beim Schanzenbau und in der Nachwuchsarbeit dringend benötigt. Jede Stunde zählt!

Die Zukunft des Schweizer Skispringens ist vielversprechend. Jetzt liegt es an uns allen, dieses Potenzial zu unterstützen.

Weitere Artikel