Cricket erlebt in der Schweiz einen unerwarteten Aufschwung: Über 800 Junioren spielen bereits – ein Anstieg von 40 Prozent in drei Jahren. Erfahre, wie dein Kind Teil dieser Community werden kann.
Es ist ein warmer Samstagmorgen in Zürich-Altstetten, und auf einem umfunktionierten Fussballplatz trainieren 20 Jugendliche mit Schlägern, Bällen und blauen Helmen – Cricket hat in der Schweiz längst die Nische verlassen. Während viele den Sport noch mit fernen Ländern wie Indien oder England verbinden, wächst hierzulande eine Generation heran, die den runden Ball mit einer Leidenschaft jagt, die selbst Fussballfans überrascht. Der Swiss Cricket Verband zählt heute über 800 Juniorenspielerinnen und -spieler – ein Anstieg von 40 Prozent in den letzten drei Jahren. Dieses Wachstum ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Nachwuchsarbeit, die immer mehr Talente aus den Kantonen Zürich, Bern und Basel hervorbringt. Wir haben uns angeschaut, wer diese jungen Cricketer sind, welche Strukturen sie fördern und wie du oder dein Kind Teil dieser aufstrebenden Community werden könnt.
Überraschender Aufschwung: Cricket wird immer beliebter bei Schweizer Jugendlichen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nahmen 2019 erst 15 Vereine an der nationalen Juniorenmeisterschaft teil, waren es 2023 bereits 25. Der Swiss Cricket Verband registriert einen kontinuierlichen Zulauf, insbesondere in Städten mit hohem Zuwandereranteil aus Cricket-Nationen wie Sri Lanka, Indien oder Pakistan. Doch das Phänomen betrifft längst nicht nur Migrantenfamilien. Auch einheimische Schweizer Kinder entdecken den Sport – oft durch Schulprogramme oder durch Freunde, die aus dem Ausland nachziehen.
- Kanton Zürich: Hier entstanden allein 2023 drei neue Jugendteams, initiiert von Eltern und lokalen Vereinen.
- Kanton Bern: In der Region Thun und Bern Stadt wächst die U13-Liga rasant – mit über 100 aktiven Spielern.
- Kanton Basel: Der Basler Cricket Club hat seinen Juniorenbestand innerhalb von zwei Jahren verdoppelt, dank Kooperationen mit Schulen.
Besonders bemerkenswert: Der Anteil der Mädchen im Nachwuchs steigt, wenn auch noch langsam. 2023 waren rund 15 Prozent der Junioren weiblich – Tendenz steigend. Der Verband fördert dies mit speziellen Mädchencamps, die auf grosses Interesse stossen.
Die Nachwuchsstruktur: Vom Schnuppertraining zur Nationalmannschaft


Der Erfolg des Schweizer Cricket-Nachwuchses basiert auf einem durchdachten System, das bereits in der Primarschule ansetzt. Das Programm „Cricket in Schools“ erreicht heute über 1.500 Schülerinnen und Schüler pro Jahr in 30 Partnerschulen. Die Kinder lernen die Grundlagen – Werfen, Fangen, Schlagen – in modifizierten Spielformen, die ohne teure Ausrüstung auskommen. Danach öffnet sich eine klare Karriereleiter:
- Regionale U13-, U15- und U19-Turniere: Pro Saison werden über 200 Spieltage organisiert, verteilt auf fünf Regionen.
- Nationales Förderkader: Die besten Talente trainieren monatlich in zentralen Camps, geleitet von lizenzierten Trainern.
- U19-Nationalmannschaft: 2022 qualifizierte sich die Schweiz erstmals für eine Europameisterschaft und belegte den beachtlichen 9. Platz.
Der Weg dorthin ist nicht einfach, aber machbar. Die Swiss Cricket Academy bietet zudem Stipendiatsplätze für besonders talentierte Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien. Ein Beispiel, das Schule machen soll.
Schulprogramm als Türöffner
Die enge Zusammenarbeit mit den Kantonen ist ein Schlüssel zum Erfolg. In Partnerschulen wird Cricket als reguläre Sportart im Turnunterricht integriert. Die Lehrpersonen erhalten kostenlose Fortbildungen, und der Verband stellt Bälle, Schläger und einfache Tore zur Verfügung. So entstehen erste Berührungspunkte, die oft zu einer dauerhaften Begeisterung führen.
Zwei junge Talente, die Hoffnung machen
Namen, die man sich merken sollte: Janik Frei (16) aus Zürich und Noah Suter (14) aus Basel. Beide stehen stellvertretend für eine neue Generation, die international auf sich aufmerksam macht.
Janik Frei wurde 2023 zum U19-Spieler des Jahres gewählt. An der Europameisterschaft erzielte er über 200 Runs und galt als einer der besten Schlagmänner des Turniers. Sein Weg begann im Schulsport: „Im Sportunterricht haben wir einmal Cricket ausprobiert. Ich war sofort fasziniert“, erzählt er. Heute trainiert er fünfmal pro Woche, reist zu Turnieren nach England und träumt von einer Profikarriere.
Noah Suter ist der jüngere der beiden, aber nicht weniger talentiert. Der Allrounder gewann 2024 den nationalen Nachwuchspreis – eine Auszeichnung für die beste Kombination aus Batting, Bowling und Fielding. Er trainiert im nationalen Förderkader und wird dort von ehemaligen Nationalspielern gecoacht. Auch er entdeckte den Sport durch das Schulprogramm „Cricket im Sportunterricht“. Seine Eltern sind keine Cricket-Kenner, aber sie unterstützen ihn mit Fahrten zu Trainings und Turnieren.
Beide Talente zeigen: Für den Durchbruch braucht es nicht zwingend eine Cricket-Tradition in der Familie. Entscheidend sind frühe Förderung, gute Trainer und die Möglichkeit, regelmässig zu spielen.
Herausforderungen: Fehlende Plätze und Trainer



Trotz der Erfolgsgeschichte kämpft der Schweizer Cricket-Nachwuchs mit infrastrukturellen Hürden. Es gibt landesweit nur fünf spezifische Cricketplätze – also Rasenflächen mit den korrekten Massen und einem festen Pitch. Die meisten Juniorenmannschaften weichen auf Fussballrasen aus, die nicht ideal sind: Der Ball springt unregelmässig, und die Linien verwirren. Zudem müssen Trainingszeiten oft mit Fussballclubs geteilt werden, was zu Konflikten führt.
- Trainermangel: Aktuell stehen nur 30 lizenzierte Trainer für über 800 Junioren zur Verfügung. Das ergibt ein Verhältnis von 1:27 – zu wenig für eine individuelle Betreuung.
- Finanzierungslücken: Die Kosten für Ausrüstung, Reisen zu Turnieren und Übernachtungen werden oft durch private Spenden der Eltern gedeckt. Die öffentliche Förderung ist noch gering, obwohl der Verband verstärkt um Unterstützung von Bund und Kantonen wirbt.
- Mangel an Mädchenteams: Obwohl der Anteil weiblicher Spieler steigt, fehlen altersgerechte Teams. Viele Mädchen spielen in gemischten Mannschaften, was nicht immer ideal ist.
Der Swiss Cricket Verband reagiert: Er bildet jedes Jahr zehn neue Trainer aus und bietet kostenlose E-Learning-Module an. Zudem läuft eine Crowdfunding-Kampagne für den Bau eines provisorischen Cricketplatzes in Bern.
Zukunftspläne: Aufbau einer U15-Nationalmannschaft und mehr Inklusion
Die Ambitionen sind gross. Bis 2028 soll eine feste U15-Nationalmannschaft etabliert werden, die regelmässig an internationalen Turnieren teilnimmt. Geplant sind Trainingslager in Australien und England, um den Talenten den Feinschliff zu geben. Zudem will der Verband das Schulprogramm „Cricket in Schools“ auf 50 Schulen ausweiten – vor allem in Regionen, die bisher unterrepräsentiert sind, wie der Ostschweiz und dem Tessin.
- Mädchenförderung: Spezielle Mädchenteams in den Altersstufen U13 und U15 sollen entstehen. Ein Pilotprojekt in Basel läuft bereits erfolgreich mit 30 Teilnehmerinnen.
- Nationales Leistungszentrum: In Basel ist ein neues Zentrum mit zwei Cricketplätzen, Indoor-Trainingseinrichtungen und Unterkünften in Planung. Die Finanzierung ist teilweise gesichert, der Baubeginn für 2026 anvisiert.
- Inklusion: Der Verband entwickelt Programme für Kinder mit Migrationshintergrund und Flüchtlingskinder, um Integration durch Sport zu fördern.
Diese Pläne zeigen: Cricket soll in der Schweiz nicht nur eine Nischensportart bleiben, sondern als ernstzunehmende Option im Nachwuchssport etabliert werden. Die Talente sind da – jetzt braucht es die Strukturen.
Mitmachen und entdecken: So wird dein Kind Teil der Cricket-Community
Du möchtest, dass dein Kind diesen faszinierenden Sport kennenlernt? Der Einstieg ist einfacher, als du denkst. Die meisten Vereine bieten kostenlose Schnuppertrainings an – ohne Vorkenntnisse, ohne teure Ausrüstung. Einfach in Sportkleidung kommen, der Verein stellt Schläger und Bälle. Hier sind die ersten Schritte:
- Verein in deiner Nähe finden: Auf der Website des Swiss Cricket Verbandes gibt es eine interaktive Karte mit allen 25 Junioren-Vereinen. Die meisten trainieren auf Fussballplätzen oder Sportanlagen.
- Newsletter abonnieren: Der Verband informiert monatlich über Nachwuchscamps, Turniere und Schnuppertage. So verpasst du keine Gelegenheit.
- Eltern mitmachen: Cricket lebt von ehrenamtlichem Engagement. Du kannst als Fahrer zu Auswärtsspielen helfen, bei der Organisation von Turnieren mitwirken oder einfach finanziell unterstützen – jeder Beitrag zählt.
Der Swiss Cricket Verband und seine Vereine heissen alle Kinder willkommen, egal welcher Herkunft oder Erfahrung. Also zögere nicht: Schnapp dir dein Kind und entdecke eine Sportart, die nicht nur Spass macht, sondern auch Werte wie Teamwork, Fairness und Konzentration vermittelt. Die nächste Generation von Cricket-Talenten wartet auf dich – und vielleicht ist dein Kind der nächste Janik oder Noah.



